„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Dieses Zitat, das oft Anaïs Nin zugeschrieben wird, bringt es auf den Punkt: Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Wirklichkeit. Unsere Wahrnehmung ist gefärbt von unseren Erfahrungen, Überzeugungen und sogar momentanen Gefühlen. Zwei Menschen können genau dasselbe erleben und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches sehen oder fühlen. Im Alltag begegnen uns ständig Beispiele dafür – manchmal lustige, manchmal beunruhigende.
Jeder lebt in seiner eigenen Realität
Schon Immanuel Kant vertrat die Auffassung, dass wir die Welt nicht an sich erkennen können, sondern immer nur unsere subjektive Interpretation davon. Mit anderen Worten: Was wir als „Realität“ betrachten, ist immer durch unser eigenes Gehirn konstruiert. Dazu passt auch Nietzsche, der provokativ meinte: „Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen.“. Das klingt erstmal extrem, aber es beschreibt treffend, wie stark unsere Perspektive alles beeinflusst, was wir für wahr halten.
Ein klassisches Alltagsbeispiel sind optische Täuschungen. Erinnerst Du Dich noch an das Internetphänomen „The Dress“ im Jahr 2015? Millionen Menschen stritten darüber, ob ein bestimmtes Kleid auf einem Foto blau-schwarz oder weiß-gold war. Jeder war felsenfest von seiner Version überzeugt – und war baff, dass andere Leute es ganz anders sahen. Solche Wahrnehmungsphänomene zeigen, wie unser Gehirn Informationen unterschiedlich verarbeiten kann.
Ein anderes Beispiel aus dem täglichen Leben: Stell Dir zwei Kollegen vor, die an einem wolkigen Tag zur Arbeit kommen. Der eine mault: „So ein grauer Mist, der Tag ist gelaufen.“ Der andere lächelt: „Endlich etwas Abkühlung von der Hitze.“ Beide stehen unter demselben Himmel, aber jeder lebt in seiner Realität – der Pessimist in einer trüben, der Optimist in einer entspannten Welt. Stimmung, Erwartungen und Filter beeinflussen, was wir wahrnehmen. Psychologen sprechen hier von kognitiven Verzerrungen. Ein bekannter Denkfehler ist z.B. der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Wir neigen dazu, nur die Informationen wahrzunehmen, die unsere bestehenden Ansichten bestätigen. Alles, was nicht ins Bild passt, blenden wir gerne unbewusst aus. So bastelt sich jeder seine eigene „passende“ Wirklichkeit.
Der Machthaber in der Filterblase: Putins Welt
Ein extremes Beispiel für das Leben in der eigenen Realität liefert Wladimir Putin – zumindest wenn man den Berichten vieler Medien und Geheimdienste glaubt. Putin umgibt sich angeblich nur mit Ja-Sagern und gefilterten Informationen. Unbequeme Wahrheiten dringen kaum zu ihm vor. Es heißt, seine Berater hätten Angst, ihm schlechte Nachrichten zu überbringen, sodass er oft ein geschöntes Bild der Lage bekommt. Das klingt fast wie ein Kaiser, der nur das hören will, was ihm gefällt. Und tatsächlich gab es Meldungen, dass Russlands Präsident im Ukraine-Krieg lange Zeit falsche Vorstellungen von der Realität hatte, weil niemand es wagte, ihm die Wahrheit zu sagen. Wenn ihm die gelieferten Analysen nicht gefielen, wurden die Überbringer der Botschaft eben ausgetauscht – so erzählt man sich jedenfalls. Und wer jetzt glaubt, dass Donald Trump oder Elon Musk ähnlich funktionieren, liegt wahrscheinlich gar nicht so daneben, nur dass es hier nicht (nur) der Berater / Analyst sondern die Algorithmen sind, die deren Filterblase bilden.
Man stelle sich das mal vor: Da sitzt ein Mann an der Spitze eines Landes und lebt gewissermaßen in einer Filterblase, die er sich selbst geschaffen hat. Alles, was nicht in seine Sicht passt, wird ausgeblendet oder weggelogen. Die Folge? Fehlentscheidungen, die für alle anderen real spürbare Konsequenzen haben. In Putins Fall leidet ein ganzes Land – und die Ukraine ebenso – unter den Folgen dieser verzerrten Wahrnehmung. Isolation an der Spitze kann dazu führen, dass jemand in einer eigenen Welt lebt, losgelöst von der Realität der meisten Menschen. Der berühmte Spruch „Macht korrumpiert“ könnte hier ergänzt werden um „…und sie verzerrt die Wahrnehmung“.
Doch bevor wir uns zu sehr auf Autokraten und Oligarchen einschießen: Dieses Prinzip findet man auch im Kleinen.
Eleganz im Auge des Betrachters
Vielleicht kennst Du jemanden, der modisch eine Vollkatastrophe ist, aber sich selbst für den Inbegriff von Stil hält. Da läuft der X. in Socken und Sandalen herum, das Hemd mit fragwürdigen Mustern in die verwaschene Jeans gestopft, und fühlt sich wie der Star des Tages. Er wundert sich vielleicht sogar, warum niemand seine „Eleganz“ bewundert. Das Umfeld hingegen denkt sich insgeheim: „Auweia, hat der keinen Spiegel zuhause?“
Solche Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung begegnen uns ständig. Oft steckt kein böser Wille dahinter – X sieht sich wirklich anders, als wir ihn sehen. Möglicherweise findet er sein Outfit wirklich schick, weil es bequem ist oder weil er einfach einen anderen Geschmack hat. Ein bisschen Psychologie gefällig? Es gibt den Dunning-Kruger-Effekt, der beschreibt, dass Menschen mit wenig Kompetenz in einem Bereich dazu neigen, die eigene Fähigkeit maßlos zu überschätzen. Hm, mache ich das Gleiche indem ich meine Meinungen in diesem Blog schreibe? Der ein oder andere Leser mag das vielleicht so sehen. Zurück zu meinem Beispiel. Übertragen auf Mode heißt das: Wer keinen guten Stil hat, merkt es oft nicht und hält sich vielleicht sogar für besonders stylish. Unser Gehirn führt uns eben manchmal an der Nase herum.
Natürlich sind Modegeschmack und Politik zwei völlig unterschiedliche Baustellen. Aber in beiden Fällen sehen wir das Phänomen: Menschen konstruieren sich ihre eigene Wirklichkeit. X empfindet sich als Modeikone – diese Überzeugung ist seine Realität. Für die anderen ist es eher eine schräge Parallelwelt, in der er da lebt. So jemand lacht man vielleicht noch wohlwollend an oder zuckt die Achseln. Schwieriger wird es, wenn die eigene Realität einer Person sie in gefährliche Gefilde führt.
Verschwörungstheoretiker: In Sicherheit wähnen im unsicheren Weltbild
Man kennt sie inzwischen: Menschen, die fest an gewaltige Verschwörungen glauben – ob es nun eine „geheime Weltregierung“ ist, Chemtrails am Himmel oder die Überzeugung, dass die Erde in Wahrheit flach sei. Für Außenstehende klingen solche Behauptungen abstrus. Aber für die Verschwörungstheoretiker sind es Tatsachen – ihre Tatsachen. Was treibt jemanden in so eine eigene Realität?
Häufig steckt Angst und Unsicherheit dahinter. Psychologen haben herausgefunden, dass in Zeiten von Stress und Kontrollverlust mehr Menschen zu Verschwörungstheorien neigen. Wenn die echte Welt chaotisch und bedrohlich wirkt, kann eine simple Erklärung – „Schuld sind die bösen Mächte im Hintergrund“ – paradoxerweise Trost spenden. Eine Studie zeigte zum Beispiel: Gefühle von Hilflosigkeit oder Angst können Menschen empfänglicher für Verschwörungsdenken machen. Plötzlich scheint die Welt wieder Sinn zu ergeben, weil man einen klaren Feind hat, dem man alle Übel zuschreiben kann. Der Kopf sortiert sich: Wenn diese Schurken nicht wären, wäre alles gut! Dieses Denken gibt Halt in einer komplizierten Realität.
Kein Wunder also, dass Verschwörungsgläubige oft so erbittert an ihren Vorstellungen festhalten. Es geht um mehr als Fakten – es geht um ihr Sicherheitsgefühl und Weltbild. Deshalb sind manche bereit, dafür zu kämpfen oder im Extremfall sogar zu sterben. Man denke an fanatische Sekten oder an sogenannte „Querdenker“, die lieber ihr Leben riskieren, als von ihrer Überzeugung abzuweichen. Die eigene „Wahrheit“ wird zum Lebensinhalt, zur Identität. Wenn jemand kommt und diese angebliche Wahrheit infrage stellt, fühlen sie sich existenziell bedroht. Das erklärt, warum Diskussionen mit Hardcore-Verschwörungstheoretikern oft im Desaster enden: Jede Gegeninformation wird als Teil der Verschwörung gesehen – im Kopf des Glaubenden passt einfach alles ins Schema. Der Bestätigungsfehler tut hier sein Übriges: Man nimmt nur noch das wahr, was die Verschwörung bestätigt, und übersieht alles andere.
Ein trauriges, aber lehrreiches Beispiel lieferte in den 1950ern der Psychologe Leon Festinger. Er untersuchte eine Weltuntergangs-Sekte, die fest an eine bevorstehende Sintflut glaubte. Als die prophezeite Katastrophe ausblieb, gaben die Mitglieder nicht etwa ihren Glauben auf. Im Gegenteil – sie behaupteten, durch ihre Gebete die Welt gerettet zu haben, und wurden in ihrem Glauben nur noch bestärkter. Diese berühmte Studie („When Prophecy Fails“) zeigt, wie Menschen selbst angesichts eindeutiger Widersprüche an ihrer eigenen Realität festklammern können. Kognitive Dissonanz – die innere Spannung, wenn Fakten nicht zu den Überzeugungen passen – wird dann kreativ aufgelöst, um das Weltbild zu retten.
Begegnungen mit fremden Realitäten
Nicht immer stecken Ideologien oder Überzeugungen dahinter. Manchmal machen wir die Erfahrung, dass jemand aufgrund von Krankheit oder Drogen in einer ganz anderen Realität unterwegs ist. Ich erinnere mich an Ex-Freundin von mir, die an einer psychischen Erkrankung litt. Sie war überzeugt, dass die Nachbarn sie durch die Wände abhören und die Fernsehnachrichten geheime Botschaften speziell für sie sendeten. Für mich und alle anderen war das völliger Unsinn – für sie war es erschreckende Wirklichkeit. Sie hörte tatsächlich Stimmen durch die Wand und sah in jeder Nachrichtensendung Codes. Es war, als lebten wir in zwei verschiedenen Welten, obwohl wir nebeneinander auf dem selben Sofa saßen.
In solchen Fällen sprechen Psychiater von Psychose. Menschen in einer akuten Psychose nehmen die Welt extrem verzerrt wahr – Halluzinationen und Wahnideen werden zu ihrer persönlichen Realität. Fachleute sagen dann bildhaft, der Betroffene „lebt in einer anderen Realität“. Was für uns nur leere Luft ist, ist für jemanden mit Halluzination vielleicht eine konkrete Stimme mit Befehlen. Was für uns ein harmloser Schatten ist, mag für sie ein Monster sein. Ihre Sinne und ihr Gehirn schaffen eine Wirklichkeit, die für sie absolut real ist – und damit natürlich auch beängstigend oder verwirrend.
Das Tragische: Von innen heraus erkennen diese Menschen oft nicht, dass ihre Wahrnehmung getäuscht ist. Man kann einem Psychose-Patienten nicht einfach sagen „Du spinnst, das bildest du dir ein“ – das kommt nicht an. Im Gegenteil, direktes Konfrontieren („Das ist alles nicht real!“) führt meist nur zu Konflikten. Für ihn oder sie ist es ja real. Hier hilft nur behutsame Behandlung, vielleicht Medikamente, die die Wahrnehmung wieder näher an die Konsensrealität bringen.
Solche Erfahrungen bringen einen zum Nachdenken: Wie stabil ist unser eigener Realitätsbezug eigentlich? Wenn man miterlebt hat, wie fest jemand auf seine falsche Wahrnehmung baut, fragt man sich zwangsläufig…
Bin ich der Verrückte?
Hand aufs Herz: Hast Du Dich schon mal gefragt, ob mit Deiner eigenen Wahrnehmung alles stimmt? So verrückt das klingt, manchmal, nach Gesprächen mit Leuten, die die Dinge komplett anders sehen, kratzt man sich am Kopf: „Lebe ich in einer Parallelwelt, oder die?“ Wenn ich mit einem überzeugten Verschwörungstheoretiker diskutiere oder mit einem knallharten Populisten, der eine komplette Gegenversion zu all meinen Fakten hat, beschleicht mich manchmal kurz die Frage: Was, wenn er recht hat und ich falsch liege?
Das ist eigentlich eine gesunde Reaktion. Der Philosoph René Descartes ging im 17. Jahrhundert sogar so weit, erst mal alles anzuzweifeln – sogar die Existenz der Außenwelt – bis er zu einem sicheren Fundament kam („Ich denke, also bin ich.“). Er fragte sinngemäß: Woher weiß ich, dass nicht ein böser Dämon mir alle Eindrücke nur vorgaukelt? Diese radikalen Zweifel halfen ihm, zuverlässiges Wissen zu finden. Für uns Alltagsmenschen reicht oft schon der kleine Zweifel, um uns vor blindem Dogmatismus zu schützen.
Niemand hält sich selbst für verrückt – das ist ja das Tückische. Würde ein Irrer merken, dass er irre ist, wäre er vermutlich nicht irre… Verrückte halten sich meistens für normal, und oft halten sie die anderen für verrückt. Dieses Paradox begleitet das Thema Wahrnehmung und Realität ständig. Deshalb ist Selbstreflexion so wichtig. Der antike Philosoph Sokrates soll gesagt haben: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Damit meinte er, dass wahre Weisheit darin liegt, die Grenzen des eigenen Wissens zu kennen. Übertragen auf unsere Wahrnehmung könnte man sagen: Ich sollte mir immer bewusst bleiben, dass meine Sicht auf die Dinge möglicherweise verzerrt oder unvollständig ist.
Was ist „normal“? Im Dialog mit Andersdenkenden
Gerade in den letzten Jahren, in denen gesellschaftliche Debatten immer hitziger wurden, fragt man sich oft: Was ist eigentlich noch normal? Wenn ich mit einem überzeugten Populisten diskutiere – z.B. jemandem, der alle Mainstream-Medien als Lügenpresse abtut und an seine ganz eigene Version der Wahrheit glaubt – dann prallen zwei Welten aufeinander. Beide Seiten denken von sich, sie seien im Recht und im „Normalzustand“. Aber offensichtlich können nicht beide recht haben, wenn sich ihre Realitäten widersprechen. Oder?
Man darf hierbei nicht vergessen, dass Normalität oft einfach das ist, was die Mehrheit teilt. Wahrnehmung, die in der Norm liegt, heißt letztlich: Die meisten Menschen stimmen über gewisse grundlegende Tatsachen und Interpretationen überein. Zum Beispiel: Die meisten von uns sehen den Himmel als blau, halten die Erde für eine Kugel und stimmen darin überein, dass 2+2=4 ergibt. Das gibt uns ein Gerüst einer geteilten Realität. Wenn jetzt einer kommt und steif und fest behauptet, der Himmel sei grün und 2+2=5 – dann wissen wir relativ sicher, dass er danebenliegt, nicht wir.
Schwieriger wird es aber, wenn es um komplexere Dinge geht: politische Ansichten, gesellschaftliche Probleme, historische Ereignisse. Hier gibt es oft kein absolutes „Wahr“ oder „Falsch“, sondern Perspektiven. Populisten neigen dazu, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Ihre Anhänger bewegen sich häufig in sogenannten Filterblasen, wo sie nur noch Informationen und Meinungen hören, die ihre Sicht bestätigen. Dank Social Media und spezialisierten Nachrichtenseiten kann heute jeder in seiner eigenen Info-Welt leben. So entsteht der Eindruck zweier Parallel-Realitäten: In meiner Blase klingt alles logisch und konsistent, in der deiner Blase hingegen scheinbar verrückt – und umgekehrt genauso.
Wie erkennt man nun, ob die eigene Wahrnehmung „in der Norm“ liegt? Ein erster Anhaltspunkt: Abgleich mit der Wirklichkeit anderer. Wenn mir zehn vernünftige Leute unabhängig voneinander sagen, ich hätte wohl Unrecht mit einer bestimmten Annahme, lohnt es sich hinzuhören. Es heißt nicht automatisch, dass die Mehrheit immer richtig liegt (Geschichte und Wissenschaft kennen genug Fälle, wo anfangs nur wenige die Wahrheit erkannten). Aber es sollte einen wenigstens ins Grübeln bringen.
Außerdem hilft der Blick auf harte Fakten: Empirische Belege, überprüfbare Daten. Bei aller konstruktivistischen Philosophie müssen wir im Alltag ja doch so etwas wie objektive Realität annehmen, um nicht zu verzweifeln. Wenn mein Gefühl sagt „Ich habe Fieber“, vertraue ich trotzdem dem Thermometer, das 36,5°C anzeigt, mehr als meiner subjektiven Empfindung. Übertragen heißt das: In Diskussionen kann man versuchen, sich auf Fakten zu einigen, die sich überprüfen lassen. Schwierig bleibt es trotzdem, denn selbst Fakten werden von verschiedenen Lagern unterschiedlich gedeutet (siehe Nietzsche oben).
Vielleicht ist „normal“ am Ende des Tages auch gar nicht das beste Ziel. Offenheit ist besser. Die eigene Wahrnehmung immer mal wieder zu überprüfen, ist ein Zeichen von geistiger Gesundheit. Wer stur behauptet, er irre sich niemals, der begibt sich in Gefahr, den Bezug zur gemeinsamen Realität zu verlieren.
Denkanstöße: Brücken zwischen den Welten
Wir stehen alle vor der Herausforderung, mit Menschen umzugehen, die in ihrer eigenen Realität leben. Wie können wir ihnen begegnen?
Empathie ist ein guter Anfang. Versuchen wir zu verstehen, warum der andere so fühlt und denkt. Oft steckt – wie erwähnt – Angst, Unsicherheit oder ein spezifisches Bedürfnis dahinter. Voller Konfrontationskurs („Du liegst falsch, wach auf!“) bringt selten etwas. Besser ist es, Fragen zu stellen, Interesse zu zeigen und vielleicht behutsam alternative Sichtweisen anzubieten. Niemand verlässt gerne spontan seine eigene kleine Welt; aber man kann Fenster und Türen darin öffnen.
Und was ist mit unserer eigenen Realität? Wie prüfen wir regelmäßig, ob wir noch auf dem Teppich der Tatsachen stehen? Ein paar Ideen:
Mit anderen reden: Der Austausch mit Menschen außerhalb unserer Blase – mit anderen Hintergründen, Meinungen, Erfahrungen – wirkt Wunder. Er hält geistig flexibel und erdet einen, wenn man abzuschweifen droht.
Informationsquellen wechseln: Lesen Sie auch mal Medien, die nicht exakt Ihrer Position entsprechen. Natürlich kritisch, aber offen. So vermeiden Sie, dass die Filterblase zu dicht wird.
Sich selbst hinterfragen: Wann immer man spürt „Ich weiß das jetzt aber sicher!“, lohnt ein kleiner Realitätstest. Könnte ich mich irren? Gibt es Fakten, die ich übersehen habe? Die Bereitschaft, die eigene Meinung zu korrigieren, ist wie ein Muskel, den man trainieren kann.
Bodenhaftung im Alltag: Manchmal hilft schon das reale Leben – Freunde treffen, zur Arbeit gehen, Hobbys pflegen – um nicht in abstruse Gedankenspiralen abzudriften. Wer geerdet ist, verliert sich seltener komplett in einer Scheinwelt.
Am Ende bleibt vielleicht die Erkenntnis: Die Wahrheit hat viele Facetten. Unsere Wahrnehmung ist niemals vollkommen objektiv – aber zum Glück können wir uns gegenseitig helfen, blinde Flecken auszuleuchten. Die große Frage „Was ist wirklich real?“ mögen Philosophen endlos diskutieren. Für uns im Alltag zählt, dass wir ein gemeinsames Verständnis finden, wo es wichtig ist – und tolerant bleiben, wo andere nun mal anders ticken.
Jeder von uns sitzt ein bisschen in seiner eigenen Blase. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zu den anderen Blasen nicht verlieren. Denn komplett allein in seiner Realität zu leben mag für einen selbst bequem sein – aber wir Menschen leben in Gemeinschaft, und da müssen wir Brücken bauen zwischen unseren kleinen Wirklichkeiten.
Denken wir also immer mal wieder darüber nach: Wie sieht meine Welt aus, und wie die der anderen? Und treffen wir uns vielleicht doch auf halbem Wege in einer Realität, die wir miteinander teilen können?
Hier findest du eine vereinfachte Erklärung des Artikels, die es leichter macht, das Thema zu verstehen. Perfekt für alle, die eine kürzere und verständlichere Version bevorzugen!
Wahrnehmung und Realität: Jeder sieht die Welt auf seine eigene Weise
Hast du schon einmal gehört: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind?“ Das bedeutet, dass jeder von uns die Welt auf seine eigene Weise sieht – beeinflusst von unseren Erfahrungen und Gefühlen. Zwei Menschen können das Gleiche erleben, aber unterschiedlich darüber denken oder fühlen.
Jeder lebt in seiner eigenen Realität
Stell dir vor, du siehst ein Foto von einem Kleid und bist sicher, dass es blau und schwarz ist. Deine Freundin sieht dasselbe Bild und ist überzeugt, dass das Kleid weiß und gold ist. Warum? Weil unser Gehirn die Dinge manchmal unterschiedlich interpretiert! Das passiert ständig im Alltag, zum Beispiel, wenn zwei Personen an einem wolkigen Tag draußen sind. Der eine sagt: „Was für ein grauer Tag!“, der andere freut sich über die Abkühlung. Beide sehen den gleichen Himmel, aber jeder empfindet ihn anders. Das zeigt, wie unsere Stimmung beeinflusst, was wir wahrnehmen.
Putin und die „eigene Realität“
Manche Menschen leben in einer eigenen Welt, weil sie nur bestimmte Informationen hören wollen. Ein Beispiel ist Wladimir Putin, der als Präsident von Russland oft nur das hört, was ihm gefällt. Wenn ihm die Berichte seiner Berater nicht gefallen, ersetzt er sie einfach durch andere, die ihm nur das sagen, was er hören will. So bekommt er ein verzerrtes Bild der Realität und trifft Entscheidungen, die nicht gut für sein Land oder die Welt sind.
Mode: Der eigene Geschmack
Kennst du jemanden, der sich ziemlich komisch kleidet, aber denkt, er sieht super aus? Vielleicht läuft er in Socken und Sandalen und fühlt sich wie ein Model, während andere ihn schief anschauen. Dieser Mensch lebt in seiner eigenen Realität, in der er sich modisch fühlt, auch wenn es nicht so aussieht. Das passiert, weil unser Gehirn uns manchmal glauben lässt, dass wir etwas sind, was wir nicht sind. Es ist wie beim Dunning-Kruger-Effekt: Manchmal überschätzen wir uns selbst in Bereichen, in denen wir wenig Ahnung haben.
Verschwörungstheorien und die „eigene Wahrheit“
Ein weiteres Beispiel sind Verschwörungstheorien. Manche Menschen glauben fest an Dinge wie geheime Weltverschwörungen, die nicht stimmen, aber sie glauben daran, weil es ihnen Sicherheit gibt. Wenn sie denken, dass alle anderen falsch liegen, fühlen sie sich in ihrer eigenen Wahrheit stark und sicher. Wenn man ihnen dann Fakten oder andere Meinungen zeigt, blocken sie ab, weil ihre eigene Realität für sie die richtige ist.
Krankheit und verzerrte Wahrnehmung
Manchmal wird die Wahrnehmung durch Krankheiten verzerrt. Wenn jemand psychisch krank ist, kann er die Welt ganz anders sehen. Vielleicht hört er Stimmen oder sieht Dinge, die wir nicht wahrnehmen. Für ihn ist das real, auch wenn wir wissen, dass es nicht stimmt. Das zeigt, wie stark unsere Wahrnehmung von unserer Gesundheit und unserem Verstand abhängt.
Selbstkritik und die Frage „Bin ich verrückt?“
Hast du dich schon einmal gefragt, ob deine eigene Wahrnehmung vielleicht nicht ganz richtig ist? Das ist normal! Der Philosoph Descartes fragte sich im 17. Jahrhundert, ob er alles falsch sehen könnte. Er stellte sogar in Frage, ob es eine Welt außerhalb seines Kopfes gibt. Diese Frage zu stellen, ist wichtig, weil sie uns hilft, zu überprüfen, ob wir uns selbst in unserer eigenen Realität verlieren.
Wie gehen wir mit anderen „Wirklichkeiten“ um?
Wenn wir mit Menschen sprechen, die in ihrer eigenen Realität leben, wie können wir dann miteinander umgehen? Der beste Weg ist, empathisch zu sein. Das bedeutet, dass wir versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen, auch wenn wir sie nicht teilen. Anstatt jemanden direkt zu konfrontieren, können wir ihm Fragen stellen und ihm andere Perspektiven anbieten.
Denken wir über unsere eigene Realität nach
Es ist wichtig, unsere eigene Wahrnehmung regelmäßig zu hinterfragen. Wir sollten uns fragen: „Sehe ich die Welt wirklich so, wie sie ist?“ Ein erster Schritt könnte sein, mit anderen über ihre Sichtweisen zu sprechen. Wenn wir uns die Meinung von anderen anhören und neue Informationen aufnehmen, können wir unsere eigene Sichtweise verbessern.
Fazit: Unsere Wahrnehmung ist nicht immer die gleiche
Jeder von uns lebt ein bisschen in seiner eigenen Blase. Wir sollten uns bewusst machen, dass es viele verschiedene Realitäten gibt. Aber anstatt uns davon abgrenzen zu lassen, können wir Brücken bauen, um gemeinsam die Welt besser zu verstehen.
Letztlich geht es darum, offen zu bleiben und zu akzeptieren, dass andere die Welt anders sehen. Wenn wir versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen, können wir ein besseres Zusammenleben schaffen.
Foto: Marc-Olivier Jodoin on Unsplash