Moskauer Nächte werden langweiliger (Moskauer Deutsche Zeitung)

Real McCoy Lady

Immer mehr Kult-Clubs verschwinden einfach. Erst das „Real McCoy“, jetzt auch das „Hungy Duck“. Ein Nachruf.

Ruhe in Frieden Moskauer Nachtleben. Ruhe in Frieden. Eine Party-Ikone nach der anderen verschwindet, was bleibt, ist gähnende Leere. So wehklagt der deutsche Partylöwe und DJ Chris Helmbrecht und erinnert sich an das verlorengegangene Schlaraffenland und seine Abenteuer auf der Pirsch.

Aus und vorbei, einfach so! Seit Neujahr ist das legendäre „The Real McCoy“ Geschichte. Es wurde 2001 als mexikanisches Restaurant eröffnet, entwickelte sich aber schnell zur ungehemmtesten Party-Bar Moskaus. Das Rezept war so gut wie einfach: Man nehme eine Horde leichtbekleideter Mädels aus der Vorstadt, mixe sie mit einer Menge hauptsächlich ausländischer Männer. Danach klopft man beide Gruppen mit starkem Alkohol weich. Dazu noch ein paar Radiohits zum Tanzen und fertig ist der Sündenpfuhl. Sicherlich hatte das Wegschauen und die laxe Einstellung der Angestellten das Ganze unterstützt. Die Mädchen wurden regelrecht dazu aufgefordert, auf der Bar zu tanzen und sich dabei die Kleider vom Leib zu reißen. So konnte man im „McCoy“ immer neue Freunde finden und eine Menge Spaß haben.

Lange ist es her, als ich das erste Mal im „Real McCoy“ stand und das echte Moskauer Nachtleben bewunderte. Im Oktober 2003 schleppte mich ein Freund, bei dem ich meine ersten Monate in Moskau auf der Couch übernachtete, in diesen Laden. Das „McCoy“ war praktisch im Keller seines Hauses, dem stalinschen Zuckerbäcker-Tempel an der Metro Barrikadnaja. Unsere Wege waren somit kurz. Es war einfach: hinunter, ein paar Drinks schlürfen und dann die Mädels mit nach oben nehmen. Jedoch war das „McCoy“ weit weg vom glamourösen Moskau, welches Ausländer erwarten, die neu in die Stadt kommen. Es war dreckig, eng, heiß und dunkel. Alkohol gab es in Massen, und das zu einem fairen Preis. Ja, das waren die Zutaten für zügellose Partys. Im „Real McCoy“ waren Mojitos und Long Island Ice Teas der Triebstoff … sorry, Treibstoff, für die meisten Partygäste. Manchmal haben wir es nicht mehr nach oben geschafft und die Mädels in der Unisex-Toilette vernascht. Einmal sogar direkt an der Bar, mitten zwischen den Leuten. Der Laden war so voll, dass keiner der Umstehenden etwas bemerkte.

Der Expat und die Vorstadt-Mädchen

Irgendwann bin ich dann nicht mehr reingekommen. Egal, wie sehr ich die Türsteher anbettelte, die Türe blieb für mich geschlossen. Vielleicht hatte es sich herumgesprochen, dass ich nun einmal im Monat Partys im „So-Ho Rooms“ mache. Dieser Club ist im Moment angesagt bei der Moskauer Elite und denen, die dazugehören wollen. Damit war ich plötzlich zu fein für das „McCoy“. Vielleicht haben sie mich damals doch beim Sex an der Bar beobachtet. Keine Ahnung.

Vor zwei Jahren wurde ein bisschen renoviert. Man munkelte, es gäbe neue Besitzer. Plötzlich war das sonst so dunkle „McCoy“ auf einmal hell. Trotzdem waren die Wochenend-Partys immer noch gut. Zumindest habe ich das so gehört, denn auch nach dem Besitzerwechsel kam ich nicht an den Türstehern vorbei. Durch die Fenster konnte ich sehen, dass sich das „McCoy“ kaum verändert hatte. Drinnen war es wie immer brechend voll und ein paar Mädels haben auf den Tischen getanzt. Auch das Publikum hatte sich nicht merklich verändert. Vor der Türe tummelten sich betrunkene Expats sowie die Vorstadtmädels, die auch früher schon hier auf der Bar getanzt hatten.

Irgendwann hat dann aber trotzdem jemand den Stecker gezogen, und eine Moskauer Nightlife-Legende ist von der Bildfläche verschwunden. Einfach so, über die Neujahrsfeiertage. Das Ende kam auch für mich überraschend, denn bis vor kurzem war im „McCoy“ immer noch etwas los, und das Party-Bar Konzept läuft im Moment ohnehin besser als die großen Nachtclubs. Wahrscheinlich hatten die Macher einfach genug. Von allem. Dem zügellosen Treiben, dem allwöchentlichen Besäufnis, denn auch die Betreiber haben jedes Mal kräftig mitgefeiert. Vielleicht hatten sie genug Geld verdient. Es kann aber auch sein, dass der Mietvertrag ausgelaufen ist und die neuen Konditionen sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen. So richtig weiß das wohl keiner.

Neue Zeiten, neue Regeln
Mitte Januar hat noch eine andere Legende des Moskauer Nachtlebens die Fahnen gestrichen. Das alte „Hungry Duck“ war einer der fiesesten Schuppen in den Neunzigern und bekannt dafür, dass betrunkene Vorstadtmädels sich ausziehen und es nicht selten vorkam, dass einige der Gäste offen auf den Tischen kopulierten. Das „Hungry Duck“, benannt nach dem kanadischen Besitzer Doug Steele, wurde dann Anfang 2000 geschlossen. Doug wurde einfach älter und seriöser. Danach entwickelte er sich zu einem Geschäftsmann. Heute ist er Mitbesitzer von gut laufenden Franchisen, wie dem Papa John‘s und den Beverly Hills Diners. Das neue „Hungry Duck“ wurde letztes Jahr in der Nähe der Metro-Station Krassnyje Worota eröffnet und war ebenfalls ein Abschlepp- und Saufladen der alten Schule. Aber an die „McCoy“ Partys kam die Bar nicht ran und hatte nicht mehr viel von der zügellosen Partystätte der Neunziger. Es war immer noch ein Treffpunkt für einsame Ausländer, die einen One-Night-Stand suchten. Doch offener Sex wurde jetzt nicht mehr gerne gesehen. Verdeckter auch nicht. Kürzlich wurde ein Bekannter von mir aus dem „Duck“ geworfen, nachdem er versucht hatte, zusammen mit einem Mädchen die Unisex-Toilette zu besuchen. Neue Zeiten, neue Regeln.

Das „Duck“ war trotzdem einen Besuch wert. Es gab jede Menge flirtwillige Mädels und einige davon sahen gar nicht so schlecht aus. Dazu kam Alkohol zu anständigen Preisen und der DJ spielte die beliebtesten Party-Hits. Das waren alles Zutaten für einen entspannten Abend mit viel Spaß, und am Ende ging man wahrscheinlich nicht alleine nach Hause. Nun haben die Betreiber des „Hungry Duck“ angekündigt, dass man an einem anderen Ort in Moskau weitermachen will. Wo und wann ist noch nicht bekannt.

Diagnose: Erwachsensein

Und wie steht es nun um das Moskauer Nachtleben? Liegt der Patient schon auf der Intensivstation? Nein, sicher nicht. Das Nachtleben wird erwachsen, genauso wie die Stadt selbst und ihre Bewohner. Wir bewegen uns weg von der „Alles geht“ Mentalität hin zu den Standards von Clubs und Bars in anderen Metropolen. Das hat auch Vorteile. Sicher ist es schwieriger geworden, direkt im Club Sex zu haben oder Drogen zu nehmen. Im Gegenzug wird das Nachtleben ein bisschen gediegener und sicherer. Manche Dinge sollte man vielleicht sowieso lieber im Privaten zu Hause erledigen. Der Spaß bleibt dabei sicher nicht auf der Strecke.

Moskauer Nächte werden langweiliger

Dieser Artikel erschien in der Moskauer Deutschen Zeitung am 20.März 2013

Link zum Artikel mit Fotos: Moskauer Deutsche Zeitung

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